Bernd Ehgart (2020):

 

Erfolgsbedingungen sozialer Systeme – Beispiel Fußball 

 


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Bernd Ehgart (2020): Erfolgsbedingungen sozialer Systeme – Beispiel Fußball
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Konsens in Bezug auf die zentrale Systemeigenschaft (intrasystemische Zentralität):

Alle Beteiligten müssen darüber einig sein, was Fußball »wesenhaft« ist, vor allem ein mannschaftliches Laufspiel in gegenläufiger Bewegung. Wenn sich eine Mannschaft dem konsequent verweigert, findet kein Fußballspiel statt.

Konsens in Bezug auf das zentrale Systemziel (intrasystemische Stabilität):

Fußball als Wettkampf, Sieg, Massenunterhaltung, Gelderwerb, Prestigeerwerb, Generierung von Idolen usw.

Kooperation, intrasystemische:

Fußball ist ein Mannschaftssport. Deswegen haben in aller Regel Mannschaften wenig Erfolg, die nur aus »begnadeten« Individualisten* besteht. Insbesondere in Situationen wahrscheinlicher Unterlegenheit ist Laufbereitschaft des einen für den anderen eine gute Strategie. Ein Trainer muss die Mannschaft erreichen.

Kooperation, intersystemische:

Es ist gut, wenn ein Verein, trotz des Konkurrenzsystems Bundesliga, für gute Kontakte zu anderen Vereinen sorgt und sei es auch nur zwecks ggf. Ausleihe von Spielern. Vielleicht kann man aber auch von anderen lernen.

Stakeholderorientierung:

Ein Fußballverein ist umso erfolgreicher, je mehr »Anspruchsgruppen« (alle mit dem Verein in Kontakt Stehenden) die meisten bzw. wichtigsten ihrer Interessen berücksichtigt sehen: Spieler, Fans, Vorstand, Trainerstab, medizinische Abteilung, »Backoffice« usw., aber auch Öffentlichkeit (z. B. Interesse an Unterhaltung, Stoff für mediale Kommunikation).

Kosteneffizienz:

Ein Fußballverein sollte einen teuren Spieler auch zum Einsatz bringen. Ein Fan darf erwarten, dass er für das Eintrittsgeld bzw. für die TV-Gebühren auch etwas geboten bekommt, unabhängig davon, ob »seine« Mannschaft verliert oder gewinnt. Aufgabe des Scoutings ist es, sehr gute, aber noch relativ »preiswerte« neue Spieler ausfindig zu machen.

Abwägende Nutzung von Randsystemen:

Kein gesunder Fußballprofi bedarf einer fortgesetzten Betreuung durch einen Stab von Physiotherapeuten

Konkurrenz, intrasystemische:

Eine Erfolgsmannschaft besteht aus den Besten der Besten.

Konkurrenz, innersystemische:

Das bewirkt die insgesamt sehr hohe Attraktivität der Bundesliga.

Management von Zielkonflikten:

Wer sich als Spieler zu wenig berücksichtigt sieht, wer als immerhin engagierter Trainer nicht ein Minimum an Wertschätzung erfährt usw., sollte das ansprechen dürfen und darauf vertrauen können, dass alle Beteiligten Grundsätze der Konfliktmoderation kennen und beherzigen, denn schwelende Konflikte gefährden den Erfolg.

Führung, situative:

Wem diese Befähigung fehlt, ist als Trainer falsch am Platze, aber auch als Führungsspieler.

Sanktion von Minderleistung:

Ein Trainer darf und sollte bspw. eine ständig mangelhafte Laufleistung nicht ohne Reaktion lassen, denn Fußball ist ein Laufsport.

Anerkennung besonderer Leistung:

Jedem Spieler, der an seine Leistungsgrenze gegangen ist, tut ein Schulterklopfen des Trainers gut – dies auch dann, wenn nicht alle Bemühungen von Erfolg gekrönt waren.

Verständliche und zielorientierte Binnen-Kommunikation:

Wer als Trainer seine Spielanlage der Mannschaft nicht verständlich machen kann, eingeschlossen Begründungen dazu, warum er glaubt, dass die gewählte Strategie mit Blick auf den jeweiligen Gegner erfolgreich sein wird, ist fehl am Platz.

Methodische Konsequenz:

Bewährte Trainingsmethoden sollten nicht dem Zeitgeist geopfert werden.

Wissenschaftsorientiertheit:

Trainingsmethoden sollten wissenschaftsbasiert sein.

Qualifikationsgerechter Einsatz:

Wer als Stürmer ausgebildet ist, sollte in aller Regel auch stürmen dürfen.

Klare Kompetenzverteilung:

Im Falle eines Eckballs muss bei dessen Verteidigung klar geregelt sein, wer welchen Gegenspieler »übernimmt« – idealerweise für die beiden gängigen Varianten des Eckstoßes.

Talentförderung:

Begabung braucht Unterstützung, um sich entfalten zu können. Fußballinternate sind eine gute Sache.

Akzeptanz fachlich begründeter Autorität:

Wer ständig Entscheidungen des Schiedsrichters, des Trainers oder auch ggf. Anweisungen des Spielführers infrage stellt, wird nicht erfolgreich sein.

Regelbefolgung:

Wer ständig Foul spielt, gefährdet seinen Erfolg und zugleich die in der Mannschaft.

Übernahme von Verantwortung:

Wer ständig nur den Ball zum Mitspieler schiebt, trägt wenig zum Sieg bei. Spieler und Trainer sollten Fehler eingestehen. Ein auf Dauer erfolgloser Trainer sollte freiwillig seinen Abschied nehmen.

Anstrengungsbereitschaft:

Erfolgreiche Mittelfeld-Akteure versuchen Pressing (Ballgewinn durch ständiges Anlaufen) möglichst schon vor dem Mittelfeld zu spielen, um mittels Umschaltspiel den/die Zielspieler zwecks deren Einschussmöglichkeit zu »bedienen«.

Realistische Einschätzung der individuellen Möglichkeiten:

Oft ist es besser, einen nur öffnenden Pass statt den »genialen» mit viel zu hohem Risiko zu spielen.

Bereitschaft zur Selbstevolution:

Ein Spieler sollte ständig an der Verbesserung seiner Fähigkeiten arbeiten (Kant sieht eine Pflicht zur Förderung des eigenen Talents). Das Management des Vereins sollte bemüht sein, die Organisation weiterzuentwickeln, d. h., sie an veränderte Umweltbedingungen anzupassen.

Begrenzung auf die eigene Kompetenz:

Wer bspw. als Verteidiger ausgebildet ist, sollte zunächst einmal diese Rolle gut erfüllen wollen. Falls sich Möglichkeiten bieten, den Sturm zu unterstützen, also die eigene Rolle zu erweitern, sollte dies so geschehen, dass vor allem die primäre Rolle erfüllt wird – der Verteidiger sich also nur so weit nach vorne wagt, dass er mit einiger Wahrscheinlichkeit gewährleisten kann, im Falle von Ballverlust den Strafraum verteidigen zu können.

Kontrollierte Risikobereitschaft:

Unter Bedingungen einer gewissen Erfolgswahrscheinlichkeit muss auch mal einen Risikopass gespielt werden. Ein guter Spieler vermeidet Foulspiel bzw. beherrscht Techniken, sich einem Foul zu entziehen.

Verstehenwollen:

Wer sich nicht bemüht zu verstehen, wie und warum der Trainer so und so spielen lässt, wird nicht Teil der Mannschaft sein. Verstehen ist ein wechselseitiger Prozess: Ein Trainer muss die Mannschaft erreichen.

Anpassungsbereitschaft:

Wer nicht bereit ist, dem definierten Spielsystem zu folgen bzw. es einzuüben, stört erfolgversprechende Abläufe.

Begrenzung des Selbstinteresses:

Ein Spieler sollte den Ball seinem Nebenmann zukommen lassen, wenn der sich in einer aussichtsreicheren Schussposition befindet – wissend, dass der Verzicht darauf, als Torjäger in Erscheinung zu treten, dem eigenen Marktwert wahrscheinlich weniger dienlich ist. Wirtschaftliche Aktivitäten des Managements dürfen nicht so risikoreich sein, dass sie die Existenz des Vereins gefährden. Es gibt viele Fußballprofis, die soziale Projekte unterstützen. Dies auch losgelöst davon, ob die Öffentlichkeit davon erfährt.

Vertrauensbereitschaft:

Unabhängig davon, dass Fußball ein stark von Konkurrenz bestimmtes Geschehen ist, darf sich dieses nicht als »Kampf aller gegen alle« (Hobbes) ausprägen. 

Rechtsgeltung:

Trotz der enormen Summen, die für einen Vereinswechsel geboten werden, gilt zunächst der Grundsatz der Vertragstreue.

Beachtung von Fairness-Grundsätzen:

Wenn verabredet wurde, dass bestimmte Vereinsinterna nicht an die Öffentlichkeit gelangen, gilt Schweigepflicht.

Eindeutigkeit der Regeln:

Aktuell ist unklar geregelt, was als Handspiel zu werten ist. Das beeinträchtigt Systemziele, z. B. Freude am Spiel.

Innovationsfähigkeit:

Ein Fußballverein ist ein Unternehmen. Ohne flexible Strukturen lässt sich nicht erfolgreich auf veränderte Umgebungsbedingungen reagieren. Ein internationalisierter Spielemarkt verlangt schnelle Entscheidungen.

Flexibilisierung:

Wenn erkannt wird, dass der Matchplan nicht aufgeht, sollte ein Mechanismus bereitgehalten werden, dessen rechtzeitige Umstellung ermöglicht.

Professionalität:

Ein Erfolgsteam ist etwas anderes als eine Thekenmannschaft. Ohne qualifiziertes Personal auf allen Ebenen wird auch ein Fußballverein nicht erfolgreich sein.

Identifikation mit der Organisation:

Auch der Spieler, bspw. aus dem Senegal, sollte sich (für wahrscheinlich begrenzte Zeit und ohne Aufgabe seiner Identität) als »Werderaner« fühlen dürfen und auch können, so ihm danach ist.

Unproblematisches Verlassen der Organisation:

Wer gegen seinen Willen im Verein gehalten wird, macht ihn im günstigen Fall nur weniger effizient.

Professionelle Härte:

Auch im Fußball kommt es nicht nur auf Talent, sondern auch noch auf einen (regelkontrollierten) Willen zum Erfolg.

Vermeidung systemischer Überkomplexität:

Man kann schon darüber streiten, ob der Videobeweis (»Kölner Keller«) nicht den Spielcharakter eines Fußballspiels stört.

Vermeidung unlösbarer Aufgaben:

Der DFB-Pokal zeigt, von Ausnahmen abgesehen, die grundsätzliche Bedeutung dieser Systemeigenschaft.

Professionelle Außenkommunikation:

Jeder erfolgreiche Verein braucht die Identifikation von Mannschaft und Fans – im Idealfall eine auch nach einer Niederlage positive Berichterstattung und Sympathieträger.

 

 

* Hier und im gesamten Text ist Feminisierung immer mitgedacht.