Bernd Ehgart (2020):

 

Handlungsorientierung

 


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Bernd Ehgart (2020): Handlungsorientierung (Pädagogik)
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Vorbemerkung

Pädagogik ist keine Wissenschaft, sondern Projektionsfläche bzw. einer der Kristallisationskerne gesellschaftlicher Entwicklungen bzw. Fehlentwicklungen. Letzteres zeigt sich am völlig realitätsfernen Konzept der «antiautoritären Erziehung« der Summerhill-Pädagogik der 1960er Jahre ebenso wie an einem der damaligen »Studentenbewegung« folgenden hypermoralischen Alarmismus im damals in Hessen so genannten Fach Sozialkunde.

 

Didaktische Konzeption

Ich beziehe mich folgend auf Martin Lehner, Didaktik, Haupt (utb. basics), Bern 1919.

Zum Stichwort »Handlungsorientierter Unterricht« ist zu dessen grundlegender Charakterisierung gesagt: «Enge Verbindung von Denken und Tun, Beteiligung der Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung der Handlungsprozesse, Ergebnisse haben oftmals »Gebrauchswert« (S. 29, Infotafel 6). Ich verweise auf meine Kritik weiter unten und frage mich sie ergänzend, ob nicht zufolge dieser Grundsätze der Konzeption erzwungen wird, dass viel zu viel viel zu schnell passiert. Vielleicht wird ja bereits durch dieses unterrichtliche Setting Handeln auch von demjenigen erzwungen, der es eigentlich bei einem (nur äußerlich inaktiven) Denken und ruhigem Bedenken belassen möchte.

Das Konzept soll »Selbsttätigkeit« (S. 47) ermöglichen: »Der handlungsorientierte Unterricht verbindet Denken und Tun miteinander, was sich didaktisch als Verbindung von Kopf und Handarbeit äußert. Die Schülerinnen und Schüler sind an der Gestaltung der Handlungsprozesse und an der Fixierung der Handlungsergebnisse, die oftmals >Gebrauchswert< haben, beteiligt. Handlungen müssen von den Lernenden möglichst selbstständig geplant, durchgeführt, überprüft, ggf. korrigiert und schließlich bewertet werden. Gesellschaftliche Nutzungszusammenhänge werden dabei erfahrbar gemacht und die Schülerinnen und Schüler entwickeln Freude am gemeinsamen Tun.« (S. 155). Wie man sieht, steht Selbsttätigkeit – verstanden als Handeln – im Mittelpunkt der Konzeption. Denken erscheint als (nur noch) Begleitumstand von Selbsttätigkeit.

Die didaktische Fokussierung auf Selbsttätigkeit (Handlungsorientierung) ist dem Konstruktivismus geschuldet (S. 47), das akademisch aktuell führende Paradigma. Die Existenz einer »objektiven Realität« wird bestritten; Denken sei nicht »Abbild externer Realitäten«, sondern lediglich rein subjektives Konstrukt (S. 77). (Man könnte, wie geschehen, einwenden: »Der Mond ist nicht aus Käse.«) Die Präferenz des Konstruktivismus als didaktisches Paradigma bedeutet die Vorstellung: »Eine direkte >Weitergabe< oder >Übermittlung< von Wissen an andere Personen ist unmöglich, an die Stelle von >Lehrern< tritt die >Gestaltung von Lernszenarien<« (S. 77), die eine individuell subjektive Konstruktion von Wissen ermöglichen (77). Man kann sich schon fragen, wie dann noch der Unterschied von Wissen und Meinen zu bestimmen wäre.)

Eine handlungsorientierte (konstruktivistische) Didaktik gestaltet »Lernumgebungen« nach folgenden Prinzipien (S. 61; wörtlich, so im Layout, mit Quellenangabe via Fußn. 51):

  • aktiv: Lernende sind aktiv beteiligt und haben oder entwickeln Interesse an dem, was sie tun;
  •  selbstgesteuert: Lernende steuern und kontrollieren ihre Lernprozesse selbst, der Ausprägungsgrad variiert je nach Lernsituation;
  •  konstruktiv: Lernende greifen auf ihre Erfahrungs- und Wissensbasis zurück, interpretieren Wahrgenommenes und erweitern ihre Wissensnetze:
  • situativ: Lernende befinden sich in einer Lernumgebung, die Anwendungsbezüge und Ankermöglichkeiten bereitstellt;
  • sozial: Lernende lernen interaktiv und bringen ihren sozialkulturellen Hintergrund ein.

Wenn (!) man dies mit der von Lehner genannten Quelle (Heinz Mandl/Gabi Reinmann-Rothmeier, Auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Lehrens und Lernens, in: G. Dörr/K. L. Jüngst Hrsg.), Lernen mit Medien: Ergebnisse und Perspektiven zu medial vermittelten Lehr- und Lernprozessen Weinheim 1998,S. 193–222) für Grundcharakteristiken des Konzepts der Handlungsorientierung ansieht, fragt man sich schon, worin denn nun eigentlich der grundsätzliche konzeptionelle Unterschied zum traditionellen Unterrichtsgespräch (sog. fragend erarbeitender Unterricht) liegen soll, und folgend, worauf sich Neuigkeitsanspruch und Verpflichtungscharakter der Methode eigentlich gründen, zumal in der zuvor zitierten Zusammenstellung der Begriff Handlung (was man doch üblicherweise als konkretes Tun, körperliche Aktion versteht) und auch Bezugnahme auf diesbezügliche Vorgänge gänzlich fehlen.

Lernende sollten immer schon Interesse entwickeln und sich beteiligen, immer schon »eigenständig« Fragen stellen bzw. Probleme definieren und nach Lösungen suchen. Bezugnahme auf die lebensweltliche Umwelt, auf Interessenlagen usw. der zu Unterrichtenden war immer schon ein zentrales didaktisches Prinzip. Dem folgend ist immer schon die Frage gestellt worden, was denn der Stoff für das (eigene) praktische Leben (real bzw. in der Vorstellung) bedeutet. Lernen war immer exemplarisch und hat sich immer schon in Form des sozialen Dialogs konkretisiert.

Praxisbeispiele Handlungsorientierung

Tatsächlich aber wird zufolge Lehner in der Unterrichtspraxis dann wohl doch nicht ein extremer Subjektivismus leitend, wie es wegen der oben skizzierten Gründung der Methode auf Konstruktivismus zu erwarten wäre. Als Beispiele für Unterrichtsthemen, die der Konzeption des Konstruktivismus folgen, gibt Lehner nämlich an: »Realistische Situationen und ein konkreter Anwendungskontext bilden die Basis für das eigenständige Erkennen und Bearbeiten von Problemen, z. B. Fallstudien im Tourismus. Die Lernenden analysieren das Problem, formulieren Lernfragen und beschaffen sich Informationen im Selbststudium.« (78) Das geht dann in der Praxis des Unterrichts nicht wesentlich über Klafkis bekanntes und bewährtes Auswahlprinzip für Unterrichtsgegenstände nach dem Grundsatz »Sitz im Leben« hinaus. Schlussendlich ist Selbsttätigkeit, was, jedenfalls im Wortsinne von »handlungsorientiert« als konkretes Tun zu verstehen wäre, durch selbsttätiges und also selbständiges Denken ersetzt. 

Kritik an Handlungsorientierung – die Lehramtsreferendarinnen/-referendare bitte vergessen

Handeln und Denken sind zwei völlig unterschiedliche Aktionsformen des Menschen. Ersteres zielt auf ein »greifbares« Ergebnis und ist insofern dezisionistisch. Denken zielt auf Verstehen als Suchbewegung nach Bedeutung, Zusammenhang, Ursächlichkeit etc. – dies ganz unabhängig davon, ob sich mit dem Ergebnis dessen irgendetwas »machen« lässt. Wer denkt, will (mit Blick auf Irrtumswahrscheinlichkeit) vor allem wissen, was warum und wie genau der Fall ist. Der Nutzen dessen, was die Vernunft erkennt, bleibt der Vernunft zunächst einmal sekundär.

So betrachtet läuft didaktische Konzeption der Handlungsorientierung Gefahr, den in einer Unterrichtsstunde ohnehin knappbemessenen Raum zum eigenständigen Denken einem Aktionismus zu opfern, dessen Kern nicht Anleitung zum Denken ist – vor allem durch ständig wiederholte Einübung (Konfuzius) einer dann sicheren Beherrschung immer neuer Stufen des Denkvermögens –, sondern Infotainment, in dem sich Denken und Spiel verbinden.

An der Universität fragt keiner mehr nach irgendwelchen in mehrfach binnendifferenzierter Gruppenarbeit via Austausch von Ergebnissen vielleicht tatsächlich gewonnener Sozialkompetenzen, sondern hier geht es um schnelles Mitdenken und noch schnelleres Mitschreiben, um schnelles Erfassen großer Datenmengen, bspw. mithilfe spezieller Lesetechniken, um Techniken von Wissensorganisation unter definierten Fragestellungen, die neues Wissen (Wissenschaft) generieren sollen.

Der nach Art eines Mantras geforderte Abschied von der »Lehrerzentrierung« bewirkt das genaue Gegenteil von dem, was für ein erfolgreiches Studium gebraucht wird, nämlich die Fähigkeit, sich im Hörsaal während eines langen Zeitraums ausschließlich auf das zu konzentrieren, was vorne gesagt wird, und zwar ganz unabhängig von der Frage, ob man selbst dem zustimmt oder nicht. Anders als im »schüleraktivierenden Unterricht« geht es nicht um Realisation des Werbeslogans einer großen deutschen Boulevardzeitung. »Bild dir deine Meinung«, ist überhaupt nicht gefragt, denn an einer Universität geht es zunächst einmal um Akkumulation von Faktenwissen.

Weil darauf viel zu wenige ausreichend trainiert sind, brechen viel zu viele das Studium ab. Viel zu wenige studieren MINT-Fächer, was bewirkt, dass die Anmeldung deutscher Patente im internationalen Vergleich seit vielen Jahren rückläufig ist.

Anmerkung: Ich habe im Laufe einer stundenlangen Flugreise Folgendes beobachtet: Ein Lehrer teilt für ungefähr dreißig kleine Chinesinnen und Chinesen ein Bilderbuch aus – jeweils eines für zwei. Die Kinder studieren es eifrig. Sobald am Ende angekommen, beginnen sie von vorne. Das über viele Stunden. Während dessen widmet sich der Lehrer, offenbar völlig entspannt, mit ungeteilter Aufmerksamkeit einer eigenen Aufgabe … Bei der Gepäckausgabe bilden die Kinder unaufgefordert eine lange Reihe und warten geduldig ohne jeden Lärm, bis ihnen ihr Koffer ausgehändigt wird, dies mit einer offenbar für sie selbstverständlichen Dankesgeste an den Lehrer.

Man muss angesichts der zum Konzept der Handlungsorientierung von Lehner offenbar als maßgeblich angesehenen Quelle und ihrer mehrfachen Bezugnahme auf Medien nachdenklich werden: Wenn sich Unterricht auf Mediennutzung zentriert, setzt sich der bei vielen Jugendlichen überbordende Konsum von Medien, den viele Psychologen für sehr problematisch halten, fort. Vielleicht wäre es außerdem gut, wenn sich Lehrkraft und zu Unterrichtende in einen direkten Dialog bringen würden, ohne dass dazwischen ein technisches Medium geschaltet wäre, das ja bereits für sich selbst genommen schon viel Aufmerksamkeit beansprucht, die dem Unterricht verloren geht. (Als noch Filme gezeigt wurden, war es immer die stille Hoffnung des »real existierenden Schülers«, dass ein vielleicht eintretender Filmriss auch beim Lehrkörper einen solchen erzeugen und anschließend Chaos ausbrechen würde.) Könnte es nicht sein, dass sehr stark auf Mediennutzung abstellender Unterricht die Probleme verschärft, die zu bearbeiten wären? Vielleich sollten z. B. schlicht Techniken des Textverstehens, der Auswertung von Texten unter den Fragestellungen, die er aufwirft, oder auch abwägende Kommentierung von Gelesenem eingeübt und damit Defizite behoben werden, werden, die sich als auch Folgen einer Übernutzung von Medien verstehen lassen.