Bernd Ehgart (2020):

Was wir einander im Disput schulden 

 

»Der Edle drängt sich niemanden auf.«

Konfuzius, Gespräche in der Morgenstille


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Bernd Ehgart (2020): Was wir einander im Disput schulden
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Verzicht auf Öffentlichkeit der Affekte

Von John Locke ist als »gentleman's ideal« bekannt: »good education«, »virtue«, »A gentleman never shows his feelings«, »A gentleman ever keeps his form«. In seinem Vortrag Aspekte des neuen Rechtsradikalismus (Nachdruck 2019) kommentiert Adorno (S. 31) eine Meinung, die er für völlig abwegig hält, mit: »Nun, das ist abgespalten von jeder Kenntnis der Sache.« Lessing hat exegetisch sehr wortgläubige Auffassungen des Pastors Götze abgewehrt mit: »Kann eines ernsthaften Argumentes nicht gewürdigt werden.«

Es ergibt sich: Affektkontrolle ist eine demokratische Tugend, weil Beherrschen der Affekte Bedingung der Bereitschaft ist, den Kampf von Meinung und Interesse unter Regeln zu stellen, Regeln, die ihrerseits ermöglichen, dass das Argument an die Stelle der Absicht einer Vernichtung des Gegners treten kann. Wer den Diskurs verweigert, eingeschlossen den mit sich selbst, verweigert die Kontrolle der Affekte und legt so den Grundstein für Gewalt gegen andere und sich selbst.

Verzicht auf Emotionalisierung

Begriffe wie »Populismus«, »Gutmensch«, »rechtslastig«, »Realitätsverlust«, »Spinner«, »ideologisch verblendet«, »Weltverbesserer«, »Fanatiker«, »geistig unterbelichtet«, »ausländerfeindlich«, »krank«, »alternativlos«, »moralische Keule«, »Totschlagargument«, »Elitenversagen«, »Sozialschmarotzer«, »Linksfaschist« usw. haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie diffamieren den Andersdenkenden. Wertungen wie »So ein Schwachsinn!« helfen niemanden und tragen keinen Deut zur Klärung eines Problems bei. 

Mit Formulierungen dieser Art erteilt man dem anderen, aber auch sich selbst ein Denkverbot. Man wertet sich selbst auf, indem man den anderen abwertet.

Verzicht auf Etikettierung (»Labeling«)

Begriffe wie »Kopftuchmädchen« sind deswegen problematisch, weil man sich selbst und anderen die Wahrnehmung eines Menschen unter einem einzigen als negativ empfundenem Merkmal nahelegt. Das Tragen eines Kopftuchs darf man für problematisch halten, wenn erwiesen ist, dass die Trägerin bzw. bei Kindern deren Eltern es als Ausdruck gewaltbereiter islamistischer Gesinnung meinen und nicht etwa als Ausdruck religiöser Überzeugungen. Ob das Kopftuch verfassungsfeindliches Symbol ist oder nur Ausdruck kultureller – allerdings religiös dominierter – Identität, wie das Tragen eines Kreuzes als Schmuck, ist schwierig zu entscheiden. Bis zum Nachweis propagandistischer Absicht auf Zerstörung von Grundlagen der liberalen säkularen Demokratie muss die Unschuldsvermutung gelten. Die Reduktion der Wahrnehmungen eines Menschen auf eine Äußerlichkeit, welche auch immer, ist immer problematisch. Ich selbst möchte schon in der Gesamtheit meiner Person wahrgenommen werden und eben nicht nur als Gehbehinderter. Der Ausdruck »Erwerbsgeminderte« an Stelle von »Behinderte« im vormaligen Sozialgesetzbuch war gut gemeint, sollte er doch darauf hinweisen, dass die Einschränkung nicht die gesamte Person betrifft, und war dennoch in einer Leistungsgesellschaft eine schlimme sprachliche Fehlleistung. Demgegenüber ist der aktuelle Begriff »Menschen mit Behinderung« ein Fortschritt.

Die Wahrnehmung eines Menschen nur unter einer einzigen Eigenschaft, zumal einer äußerlichen, ist eine Form der Etikettierung, die auf Ausgrenzung zielt.

Verzicht auf realitätsblinde Verallgemeinerung

Es gibt weder »die« Flüchtlinge noch ein »Wir«, das beanspruchen könnte, »das« Volk zu sein. Es gibt Deutsche, nämlich alle diejenigen mit einem deutschen Pass, aber weder »den« noch »die« Deutschen. Wilhelm Heitmeyer sagt in der Einleitung zur von ihm herausgegebenen Aufsatzsammlung Was hält die Gesellschaft zusammen? (1997) – wie nach ihm Andreas Reckwitz in Die Gesellschaft der Singularitäten (2017) – dem Sinne nach: Es gibt keinerlei allen Deutschen gemeinsamen Überzeugungen und schon keine allen Deutschen gemeinsame Lebenswirklichkeit und schon gar keine sog. Leitkultur. Was es gibt, sind stark voneinander separierte soziokulturelle Milieus mit ihren jeweils unterschiedlichen Normen, Lebensformen, Selbstverständnissen, akzeptierten bzw. nicht akzeptierten sozialen Standards usw. Niklas Luhmann sieht es ganz ähnlich. Soziale Milieus sind zum Zwecke der Identifizierung von Käufergruppen unter allen erdenklichen Parametern untersucht. Was sich zeigt, ist ein stark heterogenes Konglomerat von Gruppen, die sich gegeneinander abgrenzen, einander fremd sind und die sich allenfalls, aber eher unwillig, dann und nur noch dann miteinander in Beziehung setzen, wenn Sachzwänge, vor allem ökonomische und also Maximierung des eigenen Vorteils, Kooperation erzwingen. Das jedenfalls ist das Verständnis der internationalen Beziehungen, wie es sich in der »America first«-Politik Donald Trumps zeigte. Es gibt nicht »die« Gesellschaft, sondern es gibt Gruppen, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, keine zu haben. 

Viele Philosophen, so z. B. Franz Josef Wetz, ein aktuell hell leuchtender Stern am Philosophie-Himmel, sagen: Menschen können einander sog. Menschenrechte zuschreiben. Fragt man aber nach dem Grund dieser Zuschreibung, lässt sich kein objektivierbarer finden. Das wiederum bedeutet, wenn man Wetz folgt: In der Zuschreibung von Menschenrechten sind kulturvariante quasireligiöse Vorstellungen (Zuschreibung von Menschenwürde als Derivat von Gotteskindschaft, soziale Schutzrechte als mit Odo Marquard säkularisierte Eschatologie, i. e. auf die Erde verlegte Heilserwartung usw.) wirksam, also Vorstellungen, die weder empirische Repräsentanz haben noch haben können.

Verzicht auf Hypermoralismus

Jeder Blick in Geschichte zeigt: Menschen verfolgen zunächst und zumeist ihre eigenen Interessen. Sie tun dies, indem sie einander übervorteilen, sich selbst und andere belügen, ihren eigenen Interessen widerstrebende Absichten grundlos geringschätzen, sich bekämpfen und auch unter Umständen die Träger von konkurrierenden Interessen physisch vernichten. Im Politikstudium habe ich gelernt, dass Kriege in erster Linie wirtschaftliche Ursachen haben. Die allermeisten Menschen sind keine Heiligen. Das Argument, die Moralität von Mutter Theresa sei Ausdruck von »Seligkeitsegoismus« (Marx), ist jemanden dann schwer zu widerlegen, wenn er seine Wahrnehmung der Wirklichkeit unter der Dominanz von Nutzenkalkülen organisiert, was die meisten Menschen tun, wie sich auch an expliziter und impliziter Geringschätzung des dann so genannten »Gutmenschentums« zeigt – ein Begriff, in dem sich bereits als solchem Skepsis, wenn nicht gar Verachtung, gegenüber allem moralischen Argumentieren ausdrückt. 

Hat man erst einmal mit dem ethischen Utilitarismus Zweckmäßigkeit als Kriterium der Unterscheidung des moralisch Richtigen vom Falschen akzeptiert, und sei es die Zweckmäßigkeit des »größten Glücks der größtmöglichen Zahl« (Bentham), ist der Weg geebnet, alles moralische Argumentieren mit Verweis auf dann so genannte Sachzwänge (stellvertretend für bis auch in die unmittelbare Gegenwart viele: Karl Homann, Frans Blome-Drees, Wirtschafts- und Unternehmensethik 1992) auszuhebeln. 

In vielen Branchen besteht eine verdeckte Unterschreitung des tatsächlich nur gesetzlichen Mindestlohns durch Erwartung der Ableistung unbezahlter Überstunden bzw. einer Anpassung an Arbeitsverdichtung bei mindestens impliziter Androhung von Entlassung im Falle von »Minderleistung«. Deren Gründe interessieren in Unternehmenskulturen unter der Herrschaft von vorzugsweise quantitativer Leistungsmessung kaum. Solche Gestaltung der Arbeitswirklichkeit, die den Frankfurter (Habermas-Lehrstuhl) Sozialphilosophen Byung-Chul Han (südkoreanischer Abstammung) auf Titel wie Müdigkeitsgesellschaft oder gar Essays zu Burnoutgesellschaft (beides in einer Publikation 2016) führen, kann immer mit sog. Marktgegebenheiten – gerne mit Verweis auf »Zwänge« der Globalisierung – gerechtfertigt werden. 

Das wiederum bedeutet: In sozialen Situationen dieser Art hat das moralische Argument bereits als ein solches ganz wenig Chancen auf Erfolg. Diese Erfolgsunwahrscheinlichkeit potenziert sich, wenn moralisches Argumentieren eine Form annimmt, die jemanden auf ein Verhalten verpflichten will, das ihm innerhalb seiner Lebenswirklichkeit, selbst wenn nur angenommen, nachteilig ist.

Odo Marquard hat in einer Lehrveranstaltung in Gießen die Sentenz kreiert: »Der Mensch muss nicht müssen.« Er meinte das als Begründung für das Gegebensein von Freiheit qua Handlungswahl, was hier nicht diskutiert werden soll. Im Zusammenhang mit der von mir gesehenen Notwendigkeit eines Verzichts auf Hypermoralismus formuliere ich den Satz wie folgt um: Der Mensch will nicht müssen müssen. Diese Anthropologie erscheint mir als Beschreibung der Grundcharakteristik des postmodernen Individuums plausibel, wenn man sich, als ein Beispiel von vielen, vor Augen hält, dass die gesamte aktuelle Managementlehre auf Eigenverantwortung setzen will, statt auf Befehl und Gehorsam. 

Diese Erwartung einer Entlastung vom Müssen setzt sich bis in differenzierteste soziale Subsysteme fort. Der moderne Physiotherapeut bspw. weist seinen Patienten, den er einen Klienten nennt, nicht mehr mitfühlend besorgt an, sondern zeigt nur noch mittels meist unterkühlter Zweckrationalität Wege möglicher Besserung auf und lässt es in die dann so genannte Eigenverantwortung des dann Klienten gestellt sein, ob dieser den angegebenen Weg gehen will – oder eben auch nicht. In gleicher Weise glaubt die sog. moderne Pädagogik auf Anweisung und folgend Einübung verzichten zu sollen, und lässt stattdessen je nach individueller Anstrengungsbereitschaft aus einem sog. Lernangebot wählen. Etwas einzufordern gilt als doktrinäre Lenkung, denn eigentlich wisse jeder selbst am besten, was für ihn das Beste sei. Wem nie Grenzen aufgezeigt wurden, der muss sich als Experte für alles sehen. Was also sollte man sich vorschreiben lassen, wenn man doch sich selbst in allem und für alles als Experte sieht? 

Und wie wäre solches Vorschreiben zu begründen, wo doch die eine Meinung so viel – oder eben auch so wenig – gilt wie jede andere auch. In einem sozialen Klima, das die »freie« Entscheidungswahl, die genau besehen unter der Herrschaft institutionalisierter Zwänge in einem So-Tun-als-ob des Gegebenseins von Entscheidungsfreiheit besteht, für das höchste aller Güter hält, muss jedes hypermoralische Vorschreiben im Gestus des »Wir müssen« – was auch immer – scheitern. 

»Flüchtlingskrise« 2015 … Stell dir vor, die Kanzlerin sagt »Wir schaffen das« und niemand will etwas anders schaffen als Abwehr einer mindestens langfristigen Minderung der eigenen Nutzensumme. Wenn man schon meint, die Welt ließe sich durch moralisch intendiertes Appellieren verbessern, dann wäre das Bewusstmachen von konkretem Interesse der bessere Weg (vgl. die genannte Schrift Adornos, S. 51 f.). Beispielsweise wäre es wirksamer, den Sachverhalt - und zwar als einen naturwissenschaftlich erwiesenen und also nicht als bloßes Meinen –, dass wir Mikroplastik einatmen, ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dies anstelle des abstrakten moralischen Appells »Haltet die Meere sauber«. Dieser Appell kann nämlich sehr leicht abgewiesen werden, mit etwas wie »Niemand ist gezwungen, dorthin ans Meer zu fahren, wo Plastik schwimmt«. Da hätte man es mit dem Argument »Niemand ist gezwungen zu atmen« schon schwerer . . .

Die Disposition auf radikalisierte Selbstbehauptung, also einer Form des Selbstinteresses, das sich für die sozialen Folgen seiner Realisation nicht interessiert, provoziert Widerstand gegen moralisches Argumentieren. Da aber Unsicherheit qua sog. Wandlungsbeschleunigung das zentrale Kennzeichen der Moderne ist, muss das Individuum, so fürchte ich, auf radikale Selbstbehauptung setzen. Deswegen gibt es, so fürchte ich weiter, einen sozialen Zwang zu Abwehr moralischen Argumentierens. Abwehr des »moral point of view«, dessen Beachtung man sich mit Gründen nicht leisten zu können meint, ist deswegen dem Einzelnen nicht vorzuwerfen. Und genau das verkennt der Hypermoralismus.

Verzicht auf nur »Meinung«

Eine große deutsche Boulevardzeitung wirbt mit dem Slogan »Bild dir deine Meinung«. Schon das macht deutlich, auf welcher Niveaustufe sich Debattenbeiträge bewegen, die sich auf nichts anderes berufen wollen, noch sich auf anderes berufen können als auf die jeweils nur eigene Meinung. Sie ist in aller Regel nicht mal eine eigene, sondern etwas aus sekundären oder gar tertiären Quellen hastig inkonsistent Zusammengefügtes, das nichts zur Erkenntnisbringendes beiträgt, sondern nur Bestätigungen dessen erbringt, was man immer schon meint, für wahr halten zu müssen. Der Kabarettist Dieter Nuhr hat die hellsichtige Formulierung gefunden: »Demokratie bedeutet, man darf alles sagen, aber man muss es nicht.«

Hans Roslings Factfulness (2019) zeigt entlang einer Fülle von Beispielen nicht nur der Alltagswahrnehmung, wie irrig wir, die wir uns doch für mindestens einigermaßen gebildet halten, in unseren Meinungen sein können. Das sollte uns mahnen: Es sind Fakten gefragt und nicht Meinungen. Wenn bspw. in der Umweltdebatte ein jeder ausschließlich mit Forschungsergebnissen argumentieren würde, und zwar aus Primär-Quellen, die er selbst mit Blick auf den Zusammenhang ihrer Aussagen exzerpiert hat und die begründet den Anspruch erheben, Forschung zu sein, wäre viel gewonnen. Wahrscheinlich würde sich die Erregungskurve sehr schnell Richtung »schwarze Null« bewegen, und zwar bereits schlicht wegen der Tatsache, dass ein Studium meist fremdsprachiger primärer Quellen eine ziemlich anstrengende Sache darstellt, die, wenn man Beruf und Alltag noch bewältigen will, keinerlei Reserven übriglässt, jedenfalls keinerlei Reserven für Formen argumentativer Erregung in sog. sozialen Netzwerken.

Wenn man den Umkehrschluss dieser Überlegung pointiert, kommt heraus: Wer sich aufregt, zeigt, dass er keine Ahnung hat. Wer mit gegenteiligen Forschungsergebnissen argumentiert, mag das tun. Dann aber muss man über die Plausibilität unterschiedlicher Forschungsdesigns reden, also z. B. darüber, ob die Behauptung eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs vielleicht nur Beobachtung einer (statistischen) Korrelation sein könnte – dies eingedenk des Umstandes: Wenn im Frühling die Spatzen pfeifen und wenn im Frühling die Maiglöckchen aus dem Boden kommen, bedeutet das keinesfalls, dass die Spatzen die Maiglöckchen aus dem Boden pfeifen. Im Klima-Diskurs müsste es bspw. um die Frage gehen, ob es denn wirklich letzterempirischer Gewissheit bedarf, um angesichts einer Situation, die jeder denkende Mensch als eine hochriskante erkennen muss, sofort umfassend risikomindernd zu handeln. Mit Blick auf zuvor Hypermoralismus sei angefügt: Die Vorstellung, dass auf Einsicht auch die Tat folgt bzw. dass sich vorschreiben ließe, dass die Tat folgt, ist eine Illusion – eben eine des Hypermoralisten.

Verzicht auf Äußerungen der Wut

Aus der Sozialpsychologie wissen wir: Die meisten Menschen suchen Bestätigung ihrer Einstellungen, Verhaltensweisen und Empfindungen. Der Volksmund weiß das: »Gleich und gleich gesellt sich gern.« Wer gegenüber einem sozial Höhergestellten, z. B. als Student gegenüber einem Professor, zum Ausdruck bringt, dass er bestimmte den akademischen Lehrer leitende Vorstellungen für angreifbar hält, mit welchen guten Gründen auch immer, riskiert in aller Regel viel. Jedenfalls muss er zur Absicherung seiner abweichenden Position sehr viel mehr Aufwand betreiben, als dies zur Bestätigung der erwünschten Position notwendig wäre. In der Regel wird allenfalls deren leichte Modifikation latent widerwillig geduldet. Als ich in 1970er Jahren in Gießen Politikwissenschaft studierte, ein Studium, das jedenfalls damals zu nichts qualifizierte, weil es immer nur um Meinung ging und nicht um empirisch basierte Forschung, waren wir alle Marxisten. Meine sehr moderat marxismuskritische Abschlussarbeit hat mich um Haaresbreite das Erste Staatsexamen nicht bestehen lassen – eine in meinem Falle (schwere Gehbehinderung) nichts weniger als eine unmittelbare Gefährdung des Erwerbs eigenen Einkommens. 

Diese Beispiele zeigen: Moralische Anweisungen, wie sie in der Habermas’schen Diskursethik formuliert sind, wo viel von ergebnisoffener Diskussion und ähnlichen dem philosophischen Oberseminar abgelauschten Verhaltenserwartungen die Rede ist, sind lebenspraktisch nahezu bedeutungslos, denn Diskussion ist in aller Regel Kampf, und zwar auch Kampf um Stabilisierung des eigenen Ich. Das uns fremde Argument ist geeignet, unseren Selbstwert infrage zu stellen. Was uns infrage stellt, ist Anlass, uns wütend zu machen.

In meiner regelmäßigen Runde freundlicher und in der Regel auch besonnener älterer Herren mit stabil konservativen Überzeugungen fiel einmal der Satz: »Wenn ich das Wort Gerechtigkeit höre, kriege ich das große Würgen.« (Tatsächlich lautete es im Original drastischer.) Mich hat diese Attacke, die alles moralische Argumentieren als Unsinn behauptet, wütend gemacht – und dies, obwohl durch den Stoiker Epiktet (z. B. Handbüchlein der Moral 2006) belehrt –, weil ich mich im Thema ein wenig auskenne, weil das Interesse an auch fremdem Wohlergehen zu den Konstituenten meines Selbstbildes gehört, weil niemand gerne hört, dass das, was ihm wichtig ist und dessen auch überindividuelle Bedeutsamkeit er für gut begründet hält, physischen Ekel errege. Gleichzeitig aber hat mich die Lehre der Stoa, wie man so sagt, cool werden und bleiben lassen, welcher darauf folgende Verzicht auf Äußerung der Wut mir dann die sog. coole Frage erlaubt hat, welcher Begriff von Gerechtigkeit genau denn aus welchen Gründen genau Anlass zum, aktuell freundlicherweise nur vorgestellten, »Würgen« sei. Diese Frage initiierte dann eine ernsthafte Debatte zur Schnittmenge differenter Gerechtigkeitskonzepte . . .

 

© Bernd Ehgart